Was alles passieren muss, bevor im Müller-Bräu Kaffee ausgeschenkt wird
Wenn wir über unseren neuen Standort im Müller-Bräu-Areal sprechen, landet man schnell bei den grossen Posten die den Ort ausmachen werden. Rösterei, Espressobar und Academy auf rund 300 Quadratmetern. Bis dort die ersten Gäste sitzen und gearbeitet wird, merke ich inzwischen wieviel ganz kleine Fragen geklärt werden müssen. Genau diese halten meine Tage akutell voll.
Das Konzept, dass wir da haben werden habe ich mir nicht an einem Nachmittag ausgedacht. In den letzten Jahren habe ich viele Coffee Shop Konzepte besucht und genau hingeschaut. Dabei sind die Fragen ziemlich oft dieselben, Was macht einen Ort eigentlich wirklich einladend und für wen machen wir das ganz genau? Wie bewegen sich Gäste durch den Raum? Warum bleiben Menschen an manchen Orten gerne länger und was müssen wir eventuell sogar machen, dass sie an gewissen Orten nicht zu lange bleiben? Diese Beobachtungen fliessen jetzt in die Planung ein.
Für uns beginnt Architektur deshalb nicht bei einer schönen Wand oder einem besonderen Möbelstück. Nici hat mich an das Thema herangeführt und inzwischen begleitet es uns schon seit vielen Jahren. Wir schauen uns ab und zu wieder mal gemeinsam Neubauten und Räume an und diskutieren darüber, was funktioniert und weshalb. Was ist Trend und was funktioniert? Ist Trend das neue Funktionieren? Fragen über Fragen die uns da jeweils beschäftigen.
Diese Gespräche fliessen jetzt in die Planung ein: Wo stellt jemand die Tasche ab? Ist sofort klar, wo bestellt wird? Wo wartet man, ohne den Ablauf zu blockieren? Wo entstehen Begegnungen und Gespräche? Und wie erleben Gäste die Rösterei, während das Team arbeitet? Darf man das hören? So versuchen wir, den Raum nicht nur schön zu gestalten, sondern ihn aus der Perspektive aller Menschen zu denken, die ihn später nutzen.
Man stelle sich vor: Nici sitzt am Tisch, ich habe das Ding in meinem Kopf, ich laufe wirr auf der Strasse rum, erkläre wie sich ein Moment anfühlen könnte, wie sich Menschen im Raum umdrehen, hinaufschauen, Konversationen führen und zum Beispiel ihr Portemonnait in der Tasche suchen. (Shoutout dass der Typ mich aushält und jeweils genau weiss was ich meine) Dann steht er auf, zeigt wo es auch funktionieren könnte, wo wir ein Möbel platzieren könnten und wie sich die Person dann umdreht. Von aussen muss das lustig aussehen.Zum Glück haben wir aber eine sehr ähnliche Vorstellung von Aesthetik was das Ganze vereinfacht.

Wir skizzieren, verschieben und diskutieren ziemlich intensiv über Wege, Blickachsen, Sitzplätze, Budgets und darüber, wie sich der Raum anfühlen soll. Schlussendlich muss das Ding nicht auf einem Plan überzeugen, sondern am Morgen, MIttag und Nachmittag und auch mal am Abend.
Besonders schön ist, dass wir mit aussergewöhnlichen Lieferanten und Schweizer Möbelmarken zusammenarbeiten und diese für den Standort auch eigene, massgeschneiderte Lösungen für uns entwickeln die es nicht zu kaufen gibt. Auch, dass Nils wieder Lust hat mit uns zu arbeiten (Nils hat bereits die erste Espressobar gebaut), finde ich toll und freut mich sehr. Dass solche Partner Lust haben, mit uns an individuellen Ideen zu arbeiten, fühlt sich alles andere als selbstverständlich an. Es ist eine grosse Ehre und macht den Ort noch mehr zu etwas, das gemeinsam entsteht. Ich muss immer wieder daran denken, wie Ghettomässig die erste Bar war und was jetzt enstehen kann!!
Auch die technische Planung beschäftigt, respektiv plagt uns intensiv. Eine Rösterei braucht andere Voraussetzungen als eine Espressobar: Strom, Wasser, Lager, Anlieferung und eine Abluftlösung bis aufs Dach inklusive Kamin. Gerade die Abluft war lange ein grosser Unsicherheitsfaktor. Als ich den Mietvertrag unterschrieben habe, war noch nicht klar, ob sich dort überhaupt eine Rösterei realisieren lässt. Ich bin froh, dass wir inzwischen eine Lösung gefunden haben. Rückblickend war es ein Risiko, das sich für uns gelohnt hat auch wenn damals vieles noch offen war. Shoutout an alle Menschen, die ich mit der Idee damals nerven musste und obwohl es 2x einen negativen Entscheid gab. Ich dann aber immer wieder anklopfte um eine neue Lösung zu suchen. Sorry, oderso.
Jetzt müssen die Kamin Arbeiten und die übrigen Installationen sauber aufeinander abgestimmt werden. Für die rund 300 Quadratmeter müssen unter anderem Toiletten, Sanitär, Elektro, Wasser und Lüftung fertiggestellt und abgenommen werden. Für den Einbau des Cafés und einen anschliessenden Slow Start rechnen wir mit etwa einem Monat. Damit das klappt, müssen ziemlich viele Arbeiten parallel laufen können und perfekt getimed sein.
Unser Ziel bleibt die Eröffnung Anfang Mai - das wäre schön weil UNO dann den 4ten Geburtstag hätte, hat? Plusquamperfekt? Keine Ahnung. Anyways. Bis dahin gibt es noch einiges zu koordinieren. Wir investieren viel Zeit und Geld in den Standort und möchten einen Ort schaffen, der langfristig funktioniert, nicht nur am Eröffnungstag.
Auch hinter den Kulissen planen wir gemeinsam mit dem Team die Abläufe für Produktion, Lager, Einkauf, Qualität, Versand und Espressobar. Die Academy soll nicht einfach ein Raum mit Kaffeemaschinen sein. Dort möchten wir Wissen teilen, Menschen ausbilden und Kaffee gemeinsam besser verstehen. Dafür braucht es klare Abläufe und Zuständigkeiten, lange bevor die Türen offen sind.
Den bestehenden Standort am Bahnhof geben wir natürlich nicht auf. Amigo was für eine Frage, sicher nicht geben wir den auf. Die Ganze Idee basiert auf dem kleinen Raum! Der neue Ort soll einfach ergänzen, was dort entstanden ist und Rösterei, eine neue Espressobar und Academy näher zusammenbringen. Ausserdem brauchen wir einen Ort zum chillen. Ich mag nicht immer auf den kleinen 9m2 sein. Wir brauchen space. Und trotzdem - wir hoffen, in Baden einen Ort zu schaffen, an dem man (sehr) gerne ist und an dem sichtbar wird, wie viel Handwerk in einer Tasse Kaffee steckt.
Bis zur Eröffnung möchten wir den Weg und wiichtige Entscheidungen, die Menschen und Gewerke im Prozess und auch die Dinge, die nicht auf Anhieb funktionieren. Denn der neue Standort entsteht nicht erst, wenn alles fertig ist. Er entsteht jetzt und zwar in Plänen, Gesprächen, Anpassungen und langen Diskussionen.