Field Trip nach Kopenhagen, Barcelona und Paris

|Nicolas Vuille

Manchmal muss man weg, um zu merken, was man zu Hause schon richtig macht

Seit der Mietvertrag für den neuen Standort unterschrieben war, war ich immer wieder etwas unsicher. Die Idee war klar. Rösterei und Espressobar gehören für ein gesamtheitliches Konzept zusammen. Und, dass wir ausbilden möchten. Nur wurden daraus irgendwann hundert Ideen. Café, Take-away, Academy, Essen, Experience. Ich habe Grundrisse von anderen Kozepten angeschaut, in unserem Sachen eingezeichnet, wieder verworfen. Ein genüsslicher Moment von «Ja, genau so machen wir es» kam irgendwie nie.Also bin ich los. Eigentlich zurück zu dem, wie UNO überhaupt entstanden ist: anschauen, ausprobieren und daraus etwas Eigenes machen.

Kopenhagen, Barcelona, Paris 

Ich war bei einigen der besten Konzepten mit internationaler Strahlkraft und noch einigen mehr um zu verstehen, wie die arbeiten. Ich habe nicht wenige Besitzer:innen angeschrieben und sie in ihren Produktionen besucht. Nicht nur wie die Läden aussehen, sondern auch wie die Produktion funktioniert, wie die Leute hinter der Bar arbeiten und ausgebiltet werden, interessierte mich. Wie der Kaffee schmeckte, war nebensächlich. Das können nämlich schon ganz viele und muss jedes Konzept für sich selber herausfinden, was am besten funktioniert. Heute zählt das Gesamterlebnis. 

Irgendwann kam mir eine Erkenntnis, mit der ich nicht gerechnet hatte: So viel machen wir gar nicht falsch. Natürlich können wir noch viel lernen. Aber bei der Produktion, Entwicklung und all den Abläufen die wir bereits haben sind wir näher dran und sogar schon weiter als viele andere Konzepte. Das heisst, die Base stimmt.Ich habe auch viele neuere Konzepte gesehen, bei denen wirklich alles durchdesignt ist. Trotzdem hatte ich bei einigen das Gefühl, dass etwas fehlt. Es fühlte sich so an, als wurde die Marke ohne die Menschen die dann kommen würden gebaut. Man findet den Ort vielleicht kurzzeitig cool und hip, aber sie sind nicht wirklich ein Teil davon. Bei uns war das anders und ich schätze bis heute, dass es so angefangen hat und man diesen Vibe (hoffentlich) noch spürt. Der Ort ist mit den Leuten gewachsen. Klar, eventuell wäre es einfacher gewesen, sofort einen Runclub zu gründen oder Velofahrende anzusprechen. Dann wäre der Ort aber eventuell zu homogen geworden. Viele kommen seit Jahren, kennen unser Team und haben die Entwicklung miterlebt. Ich glaube, das ist etwas sehr Wertvolles. UNO gehört mittlerweile auch ein bisschen der Stadt und genau das kann man nicht einfach planen oder mit einem schönen Interior kaufen. Ich glaube, Menschen schätzen, wenn man noch den “Schweiss” aka die harte Arbeit und Passion und Geschichte , dass in ein Konzept geflossen ist, riechen. Wir benutzen inzwischen Deo, don't worry.

Gleichzeitig wurde mir klarer, was ich nicht möchte. Manche Specialty-Coffee-Konzepte sind so exklusiv geworden, dass man fast das Gefühl hat, man müsse Kaffee studiert haben oder mindestens ein Rennvelo besitzen, um dazuzugehören oder sich wohlfühlen zu dürfen. Unser Satz «Kaffee für alle, Aussergewöhnliches für Neugierige» gefällt mir nach dieser Reise deshalb sogar noch besser.

Gute Kaffees alleine reichen nicht

Viele dieser Röstereien verschicken ihren Kaffee in die ganze Welt. Klar, die Kaffees sind teilweise brutal gut und exklusiv. Aber ich weiss auch, was bei uns im Lager steht. Wir haben ebenfalls top Kaffees und müssen uns da nicht verstecken.Ein Vorteil ist aber schwierig zu kopieren. Roasted in Copenhagen, Barcelona oder Paris hört sich einfach sehr gut an und mit dem Kauf, kommt auch ein Stück dieser Stadt in die Küche. Diese Städte sind selber schon Marken und irgendwie kauft man halt auch ein kleines Stück davon mit. Aber: ich habe auch gemerkt, dass viele Konzepte rund um für “Kaffeemenschen” gemacht wurden die sich total in das Thema reingefuxxt haben und eine klare Meinung haben. Ich erwische mich abundzu selber, wenn ich daran denke, etwas neues auszuprobieren und ich mir Gedanken mache, was die Szene davon hält. Eigentlich ist das egal und die Frage soll eher sein: Ist das gut genug, dass Sie am Donnerstag wieder Lust hat, bei uns vorbeizukommen? Wir rösten in Baden. Ich finde das cool und es gehört zu uns. Aber «Roasted in Baden» löst wahrscheinlich nicht dasselbe aus wie «Roasted in Paris». Also müssen wir unser eigenes Ding besser erzählen, dass man aufmerksam wird auf uns.  Eigentlich haben wir genug zu erzählen. Wir rösten mit einem super wissenschaftlichen Ansatz, was uns so schnell niemand nachmacht, messen, testen viel und versuchen wirklich zu verstehen, warum ein Kaffee schmeckt wie er schmeckt und gehen der Sache nach. Jetzt weiss ich, dass andere das so nicht machen. Wir sourcen immer mehr 100% direkt und möchten auch die Menschen hinter dem Kaffee zeigen. Gleichzeitig zeigen wir uns selber. Die Leute, die rösten, Kaffee machen, Sachen ausprobieren und manchmal halt auch etwas verkacken.Emotion als InnovationIch glaube, dass genau das in Zukunft wichtiger wird. Mit AI kann heute fast jeder schnell schnell etwas auf die Beine bringen. (AI hat mir hier übrigens die Kommas geregelt – Blogs schreibe ich aber selber, da sie vor allem für mich sind und wenn jemand Bock zu lesen hat, dann freut mich das ). Dadurch sieht aber auch vieles immer ähnlicher aus.Vielleicht wird Emotion deshalb wieder zur Art Innovation. Nicht weil Emotionen per se neu sind, sondern weil wir sie in den letzten Jahren aus vielen Dingen verschwunden sind. Alles musste ganz rasch effizienter, digitaler und perfekter werden. Dabei sind es am Ende trotzdem Menschen, die bei Menschen konsumieren (noch bevor es dann eventuell implodiert).

Der neue Standort darf und muss definitiv schön und durchdacht werden. Die Rösterei soll sichtbar sein, Take-away muss funktionieren wenn richtig viel los ist und es soll Platz für aussergewöhnliche Kaffees, Experience und neue Sachen geben, die man bei uns so (noch) nicht kennt. Aber wir dürfen den neuen Standort nicht so fest durchdesignen, dass wir uns am Ende selber rausdesignen (hoffe, das macht Sinn). Das schöne ist, ich komme ich eher mit dem Gefühl zurück, dass wir schon einiges richtig machen. Wir müssen einfach besser verstehen, was davon wirklich uns gehört und wie wir das in Zukunft erzählen. Aus ein bisschen Unsicherheit wurde Sicherheit und ich freue mich jetzt richtig, zusammen mit dem ganzen Team, an die Planung zu gehen. Weil ich genau weiss, was wir bereits können.   

Bis bald an der Bar <3

Nicolas