Preisschock 24/25 in Ruhe analysiert

|Nicolas Vuille

Die Kaffeepreise haben sich im letzten Jahr so stark bewegt wie seit über einem Jahrzehnt nicht mehr. Viele grosse Röster merken das jedoch heute noch kaum, weil sie mit alten Forward-Kontrakten arbeiten. Forwards (Futures) sind Preisfixierungen die Monate oder Jahre im Voraus abgeschlossen werden. Während die Börsenpreise für Kaffee im 2024/2025 explodierten, rösten heute einige noch noch Kaffee, der zu viel tieferen Preisen eingekauft wurde. Vielleicht entsteht so ein falscher Eindruck, dass das ganze Tralala um den Kaffeepreis gar nicht ernst zu nehmen ist. 

Gleichzeitig ist das Forward-Markt Volumen komplett zusammengebrochen. Grosse Händler sind vorsichtig geworden wem sie Kaffee verkaufen und die Volatilität war enorm auch weil Finanzierungskosten gestiegen sind. Dadurch wird immer weniger langfristig abgesichert. Der Markt handelt wieder im "heute". Die wahre Preisrealität wird darum erst 2025/26 sichtbar, wenn die alten Forward Contracts auslaufen werden. 

Für uns war die ganze Entwicklung ziemlich abstrakt aber hat uns viel gelernt. Wir starteten 2024 bei etwa USD 1.50 pro Pfund, plus Qualitätsprämie on top, Warehousing, Logistik und Warehousing (Lagerung). Wenige Monate später lagen wir bei rund USD 4.20 pro Pfund. Dass ich früher grosse Vermögen und Portfolios verwaltet habe, hilft mir solche Marktmechanismen besser einzuordnen. Den Alltag in unserer kleinen Rösterei macht es das dadurch aber nicht einfacher. 

Einzig der Währungseffekt hat uns dieses Jahr entlastet. Der US Dollar war schwach, der Schweizer Franken stark. Da Kaffee (meist) in USD gehandelt wird, hat der starke Franken einen Teil abgefedert. Trump's komische Wirtschaftspolitik sei Dank. Ohne diesen Vorteil wären wir real viel stärker unter Druck geraten. Gleichzeitig war Trump auch wieder für Sprünge im Markt verantwortlich. Dieser Monsieur hat mich dieses Jahr ab und zu ziemlich wahnsinnig gemacht. Ich weiss, nicht nur mich und es gibt Themen die definitiv relevanter sind als Kaffee was seine Politik anbelangt. 

Teurer Rohkaffee wie wir ihn kaufen bedeutet mehr gebundenes Kapital. Als Veredler des Kaffees finanzieren wir die Ware unseren Kund:innen vor. Unsere Abnehmer  (Gastronomie, Retail und Büros) zahlen erst später. Je höher der Rohkaffeepreis, desto grösser die Liquiditätslücke. Das hat uns dieses Jahr in ein Akquisitions Hamsterrad geschickt. Ich glaube, das ist auch der Grund warum wir so stark gewachsen sind dieses Jahr. Es war gar nie wirklich der Plan so schnell zu wachsen, aber dieses Gummiband zwingte uns irgendwie dazu. Es war Fluch und Segen gleichzeitig. Wir wurden durch den Markt gezwungen zu wachsen, um die Fixkosten zu verteilen. Das ist wie wenn du zu oft Kaffee bei uns holst und es dein Budget belastet kommst du einfach nicht mehr. Und das ist auch völlig fair. Jedoch musst du als Betrieb weiter machen und die steigende Nachfrage bedienen und weiter liefern. Gleichzeitig zahlen aber alle deine Kund:innen erst viel später. Das ist wie so ein Gummiband, dass sich ständig weiter ausdehnt. Das bedeutet, dass wir einen höheren Kapitalbedarf und Liquiditätsengpässe wurden zwischenzeitlich zur Tagesordnung. Um diese Liquiditätslücke zu schliessen, gibt es betriebswirtschaftlich nur zwei Optionen. Die Preise zu erhöhen oder mehr Umsatz bei gleichen Preisen zu generieren. Da wir nicht bei jeder Marktbewegung die Preise nach oben anpassen wollten, blieb nur die zweite Option: mehr Kund:innen, mehr Volumen, mehr Cashflow.

Hätte mir jemand gesagt wieviel Volumen wir abgewickelt haben dieses Jahr dann hätte ich es nicht für möglich gehalten. Aber für uns fühlt es sich einfach nach Alltag an. Gleichzeitig haben wir gespürt, wie schnell sich die Realität verschieben kann. Zwei bis vier Dollar mehr pro Pfund sind für viele ein Detail. Für eine Rösterei unserer Grösse sind sie ein massiver Einschnitt. Jedoch wollten wir unsere Preise nicht erhöhen um im Markt attraktiv zu bleiben.

Die Preisrealität hat sich verändert und ich denke sie wird bleiben und eigentlich ist das auch ganz gut so. Kaffeebauern sollen besser für ihre Arbeit entlöhnt werden. Auch in Produktionsländern sind Produktionskosten gestiegen. Wir können die Volatilität nicht kontrollieren. Schön ist, dass wir den (hoffentlich erst und letzten) Preisschock bereits hinter uns haben und die grossen Player in der Branche diesen noch vor sich haben. Ich freue mich irgendwie darauf. 

0 Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar